Das Zoologische Forschungsmuseum Alexander Koenig

ist ein Forschungsmuseum der Leibniz Gemeinschaft

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Forscher entdecken neue fossile Tausendfüßer im 100 Millionen Jahre alten Bernstein

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18.12.2018
(Bonn, 18.12.2018) Forscher am Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig - Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere (ZFMK) entdecken im fast 100 Millionen Jahre alten burmesischen Bernstein 450 Tausendfüßer. Mithilfe der Mikro-CT Technologie konnten die Forscher 13 der 16 heute noch lebenden Hauptgruppen der Tausendfüßer identifizieren. Für die Hälfte dieser Gruppen sind diese Funde die bislang ältesten bekannten Fossilien. Die weiteren Untersuchungen der Fossilien werden helfen, die Evolution der Tausendfüßer besser zu verstehen.

Spätestens seit dem Erfolg der Kinofilmreihe „Jurassic Park“ ist allgemein bekannt, dass Bernstein, fossiles Baumharz, eingeschlossene Insekten aus dem Zeitalter der Dinosaurier beeindruckend detailliert erhalten kann. Besonders divers sind diese Einschlüsse (Inklusen) in kreidezeitlichem burmesischem Bernstein aus Myanmar (Burma), nahe der Grenze zu China. In diesen fast 100 Millionen Jahre alten Bernsteinen wurden in den letzten Jahren spektakuläre Entdeckungen wie Dinosaurierfedern, sogar ein ganzer Schwanz, unbekannte Spinnentiere sowie mehrere bislang unbekannte Ordnungen von Insekten gemacht.

Ein besonders gut erhaltener Vertreter der Polyzoniida in Bernstein. Heutzutage eine seltene Gruppe mit weniger als 100 bekannten Arten, in kreidezeitlichem Bernstein ausgesprochen häufig.
Ein besonders gut erhaltener Vertreter der Polyzoniida in Bernstein. Heutzutage eine seltene Gruppe mit weniger als 100 bekannten Arten, in kreidezeitlichem Bernstein ausgesprochen häufig. ©Thomas Wesener

 

Von den Tausendfüßern waren bislang nur drei Arten aus burmesischem Bernstein bekannt. Dies ändert sich nun durch eine Studie, die von Thomas Wesener und sein Doktorand Leif Moritz am ZFMK durchgeführt und aktuell in der Online-Zeitschrift "Check List" veröffentlicht wurde.
Die Wissenschaftler bestimmten über 450 weitere Tausendfüßer aus burmesischen Bernsteinen, in denen 13 der 16 heute noch lebenden Hauptgruppen entdeckt werden konnten - für die Hälfte der Tausendfüßergruppen sind dies die bislang ältesten bekannten Fossilien. Bei ihrer Untersuchung setzten die Forscher die in den letzten Jahren entwickelte Mikro-CT Technologie ein. Mit deren Hilfe können Objekte im Bernstein mit Röntgenstrahlen in 3-D gescannt, virtuell aus dem Bernstein entfernt und wie jetzige Vertreter der Gruppe digital untersucht werden.
Die untersuchten Bernsteinstücke stammen größtenteils von Privatsammlern, u.a. der größten privaten Sammlung Europas von Patrick Müller aus Käshofen. Viele weitere Stücke, vermutlich Tausende, liegen in nicht zugänglichen Privatsammlungen in China.

 

Ein Mikro-CT-Scan eines 100 Mio. Jahre alten Tausendfüßers. Die Tiere lassen sich digital in 3D aus den Steinen herauslösen und von allen Seiten und nterschiedlichen Winkeln betrachten.
Abbildung 2: Ein Mikro-CT-Scan eines 100 Mio. Jahre alten Tausendfüßers. Die Tiere lassen sich digital in 3D aus den Steinen herauslösen und von allen Seiten und unterschiedlichen Winkeln betrachten. ©Thomas Wesener

 

Die vielen verschiedenen Gattungen und Arten müssen in den nächsten Jahren sorgfältig beschrieben und mit den heute lebenden Vertretern verglichen werden. Dies wird es erlauben, die Evolutionsgeschichte der Tausendfüßer besser zu verstehen und zu datieren. Noch ist es völlig offen, ob zum Beispiel die große Artenvielfalt der Tausendfüßer in den italienischen Südalpen oder auf Madagaskar in den letzten 100, 10 oder 1 Millionen Jahren entstanden ist.

Die Wissenschaftler können aber jetzt schon sagen, dass sich die meisten der 100 Millionen Jahre alten Bernsteintiere kaum von den jetzt in Südostasien lebenden Tausendfüßern unterscheiden - ein Indiz des hohen Alters der jetzt lebenden Gruppen. Die Häufigkeit der einzelnen Gruppen hat sich allerdings stark verschoben. In der Kreidezeit waren die sogenannten Colobognatha recht häufig, ungewöhnliche Tausendfüßer, deren Köpfe zu Saugrüsseln umgebildet sind. Diese Gruppe stellt heutzutage nur etwa 500 der mehr als 12.000 bekannten Tausendfüßerarten. Dies könnte jedoch ein Artefakt der damaligen Lebensweise der Colobognatha darstellen. So finden sich im Bernstein auch frisch geschlüpfte, achtbeinige Jungtiere - ein Anzeichen, dass sich die Tiere auf den Bernsteinbäumen vermehrten.

Noch vor den Spinnentieren und Insekten, und weit vor den ersten Wirbeltieren, waren die laubstreufressenden Tausendfüßer vor über 400 Millionen Jahren die ersten Tiere, die an Land Spuren hinterließen. Diese frühen Vertreter unterschieden sich noch deutlich von den heute lebenden Tausendfüßern - sie waren häufig deutlich größer und viele hatten sehr große Augen. So ist der Tausendfüßer 'Arthropleura' aus dem Kohlezeitalter, dem Karbon, mit einer Länge von bis zu zwei Metern und einer Breite von 50-80 Zentimetern das größte Gliedertier, welches je auf unserem Planeten an Land herumkrabbelte. Weshalb diese Riesen ausstarben, während die jetzigen Tausendfüßer bis heute überlebten, ist immer noch unbekannt. Für das gesamte Erdmittelalter (Mesozoikum, vor 252-66 Millionen Jahren), dem Zeitalter der Dinosaurier, waren bislang nur sehr wenige, meist schlecht erhaltene, Tausendfüßer bekannt. Zwar wurde vermutet, dass die jetzt noch lebenden 16 Hauptgruppen der Tausendfüßer sehr alt sein müssen, konkrete Fossilfunde fehlten bislang.

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