Das Zoologische Forschungsmuseum Alexander Koenig

ist ein Forschungsmuseum der Leibniz Gemeinschaft

Taxonomischer Vandalismus: Sind Publikationen über neue Arten zu einfach zu erstellen?

23.07.2020

Im Mittelpunkt einer hitzigen Debatte in der Welt der Taxonomie steht die Gattung Spracklandus - eine Debatte, die dazu beitragen könnte, die Zukunft eines ganzen Wissenschaftsbereichs zu bestimmen. Und Raymond Hoser, der australische Forscher, der Spracklandus seinen offiziellen Namen gab, ist eine der führenden Persönlichkeiten in dieser Debatte.

Den Zahlen nach ist Hoser ein Kenner der Taxonomie. Allein zwischen 2000 und 2012 benannte Hoser drei Viertel aller neuen Schlangengattungen und -untergattungen; insgesamt hat er über 800 Taxa benannt, darunter Dutzende von Schlangen und Eidechsen. Doch prominente Taxonomen und andere Herpetologen sagen, dass diese Zahlen irreführend sind.

Ihnen zufolge ist Hoser überhaupt kein ernst zu nehmender Wissenschaftler. Was er wirklich beherrscht, ist eine ganz bestimmte Art von wissenschaftlichem "Verbrechen", das man „taxonomischen Vandalismus“ nennt. Taxonomische Vandalen, wie solche „fake-Wissenschaftler*innen“ genannt werden, sind diejenigen, die Dutzende neuer Taxa benennen, ohne ausreichende Beweise für ihre Funde vorzulegen. Wie Plagiatoren, die versuchen, die Arbeit anderer als ihre eigene auszugeben, benutzen diese Wissenschaftler die Originalforschung wahrer Fachleute, um ihre so genannten "Entdeckungen" zu rechtfertigen.

Taxonomischer Vandalismus ist kein neues Problem. Es geht dabei auch um eine unzureichende Aufsicht der Taxonomie, die den Naturschutz bedrohen kann. Die Regeln zur Festlegung von Artnamen müssen klar und eindeutig sein, damit die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft erhalten bleibt und der Gesellschaft weiterhin zu Gute kommt.

Das Problem verschärft sich dank des Aufkommens der Online-Veröffentlichung und der Lücken im Artenbezeichnungscode. Da Vandalen auf freiem Fuß sind, wagen manche Forscher*innen nicht, ihre Arbeiten zu veröffentlichen oder öffentlich zu präsentieren, aus Angst, „bestohlen“ zu werden. So weiß die wissenschaftliche Community nicht, wer an was forscht und wichtige Synergien können nicht zum Tragen kommen. Es ist wie eine Konkurrenz statt gemeinschaftliches Arbeiten.

Taxonomischer Vandalismus kann katastrophale Folgen für die Erhaltung von Wildtieren haben - aber er könnte auch die menschliche Gesundheit beeinträchtigen.

Natürlich gehen die Meinungen weit auseinander. Smithsonian.com sprach mit einigen dieser angeblichen Vandalen und den Forschenden, die versuchen, sie aufzuhalten und das wissenschaftliche taxonomische System zu retten.

Hinrich Kaiser, Forscher am Victor Valley College in Kalifornien sowie derzeit Gastforscher am Museum Koenig, und Kollegen bringen es in der von Fachkollegen begutachteten Zeitschrift Herpetological Review auf den Punkt: Sie sind der Ansicht, dass die Zeitschrift, in der Spracklandus beschrieben wurde - the Australasian Journal of Herpetology  (AJH) sich als wissenschaftliche Zeitschrift tarnt. Sie sei vielleicht besser als gedruckter 'Blog' zu bezeichnen, weil ihr viele der Kennzeichen der formalen wissenschaftlichen Arbeitsweisen fehlen. Außerdem enthalte sie viele irrelevante Informationen.

Die wissenschaftliche Gemeinschaft scheine derzeit fast einhellig davon auszugehen, Hosers Nomenklatur nicht zu verwenden, schrieb der Herpetologe Wolfgang Denzer (Herpetologe - Society for Southeast Asian Herpetology in Berlin) in einer kritischen Besprechung von Hosers Neubeschreibungen „unserer“ Open-Access-Zeitschrift "Bonn zoological Bulletin".

Die gesamte Diskussion findet man unter diesem link: https://www.smithsonianmag.com/science-nature/the-big-ugly-problem-heart... (in englischer Sprache)

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