Evolution und Biogeographie mediterraner, kontinentaler und alpiner Lepidopteren
Die eiszeitlichen Zyklen mit aufeinander folgenden glazialen und interglazialen Perioden besitzen großen Einfluss auf die Evolution und Verbreitung der Arten. Der Einsatz genetischer Analysetechniken erweiterte unser Wissen über diese Prozesse deutlich. In diesem Vortrag gebe ich deshalb einen Überblick über die molekulare Biogeographie Europas. Aus Gründen der Vereinfachung unterscheide ich zwischen drei bedeutenden biogeographischen Gruppen: (i) "mediterrane Arten" mit mediterranen Differenzierungs- und Ausbreitungszentren, (ii) "kontinentale Arten" mit extra-mediterranen Zentren und (iii) "alpine" und/oder "arktische Arten" mit aktuellen alpinen und/oder arktischen Verbreitungsmustern. Die unterschiedlichen molekular-biogeographischen Muster werden an Hand aktueller Beispiele vorgestellt; wo möglich beziehe ich mich auf Beispiele aus der Gruppe der Schmetterlinge.
Viele mediterrane Arten sind in drei große europäische genetische Linien differenziert, welche auf würmeiszeitlicher Isolation in den drei großen Halbinseln des Mittelmeergebietes beruhen. Die postglaziale Arealexpansion in dieser Artengruppe ist hauptsächlich durch die Barrierewirkung der Pyrenäen und der Alpen bedingt, und vier Grundmuster postglazialer Arealexpansion zeichnen sich ab. Jedoch sind auch Fälle mit weniger als einer genetischen Linie pro Mittelmeerhalbinsel bekannt, andererseits auch solche mit einer bemerkenswerten genetischen Substruktur innerhalb der Mittelmeerhalbinseln.
Für die kontinentalen Arten konnte gezeigt werden, dass die früher postulierte postglaziale Arealexpansion aus der östlichen Paläarktis in den meisten Fällen nicht zutrifft. Im Gegenteil hatten wohl die meisten dieser Arten extra-mediterrane Zentren des Überlebens in Europa mit besonderer Bedeutung der perialpinen Bereiche, des Karpatenbeckens und Teilen der Balkanhalbinsel.
In der Gruppe der alpinen und/oder arktischen Arten wurden verschiedene molekular-biogeographische Muster nachgewiesen, welche die auf Verbreitungsmustern und Pollenanalysen basierenden Postulate unterstützen und vervollständigen. Hierbei unterstützen genetische Studien die starken biogeographischen Beziehungen zwischen südwestlichen Alpen and Pyrenäen, nordöstlichen Alpen und Karpaten sowie südöstlichen Alpen und dem Dinarischen Gebirgssystem, wodurch Rückschlüsse auf die glazialen Verbreitungsmuster möglich werden. Weiterhin unterstützen genetische Analysen von arktisch-alpin disjunkten Arten deren weite Verbreitung in den Periglazialräumen zumindest während der letzten Glazialphase.
Zeit: 08.02.2007, 17.15 Uhr


