Ort: Hörsaal des Museum Alexander Koenig
Zeit: 29.06.06, 17.15 Uhr
Zeit: 29.06.06, 17.15 Uhr
Prof. Dr. Werner Kunz
Universität Düsseldorf
Sortierung nach Merkmalsgemeinsamkeit, Abstammungsrelation und Reproduktionsgemeinschaft: Was ist eine Art?
Viele Begriffe in unserer Alltagssprache sind eindeutig ausgewiesen als Sortierbegriffe oder (im Gegensatz dazu) als Relationalbegriffe. Wenn ich von einer Gruppe von Fußbällen spreche, so wird kein Mensch annehmen, dass damit eine real existierende Gemeinschaft gemeint ist, die in der Natur außerhalb unseres Denkens als Einheit existiert. Nur die einzelnen Fußbälle existieren, nicht aber die Gruppe. Wenn ich andererseits von Nachbarn spreche, so weiß jeder, dass der Begriff nur Sinn macht, wenn eine Bezugsperson existiert, auf die sich der Begriff bezieht. Ein isoliert lebender Eremit kann kein Nachbar sein.
Der Begriff der biologischen Spezies dagegen ist spätestens seit Darwin durch eine Mehrfachbedeutung belastet und steht im Kreuzfeuer sortaler und relationaler Begriffsbildungen. Einerseits werden merkmalsähnliche Organismen zu Arten zusammengefasst, genauer gesagt: sortiert. Andererseits aber besteht ein historisch-genealogischer Zusammenhalt zwischen den Organismen über den Prozess der Fortpflanzung, und außerdem ein sexueller Zusammenhalt über den gemeinsamen gene pool einer Reproduktionsgemeinschaft. Der Versuch, alle diese Gruppenzusammenhänge unter einen Hut zu bekommen und damit einen monistischen Artbegriff anzustreben, ist bisher gescheitert. Der Anagenese-Kladogenese-Konflikt und der Monophylie-Paraphylie-Konflikt sind deutliche Beispiele dafür. "Die eine" biologische Art scheint es nicht zu geben. Folglich steht zur Debatte, was gemeint ist, wenn von der Existenz von 400 000 Käferarten weltweit die Rede ist.
Der Vortrag stellt eine Reihe von konkreten taxonomischen Beispielen dar, denen Unstimmigkeiten bis Widersprüchlichkeiten zugrunde liegen, und versucht, diese Konflikte in den Kontext logischer und cognitiver Begriffsbildungen zu stellen.


