Ort: Hörsaal des Museum Alexander Koenig
Zeit: 22.06.06, 17.15 Uhr
Zeit: 22.06.06, 17.15 Uhr
Prof. Dr. Uwe Fritz
Museum für Tierkunde, Dresden
Was uns die Phylogeographie Europäischer Sumpfschildkröten (Emys spp.) über die jüngere Erdgeschichte und die deutsche Teilung erzählen kann.
Europäische Sumpfschildkröten besiedeln ein riesiges Verbreitungsgebiet, das sich über drei Kontinente erstreckt, von der marokkanischen und iberischen Atlantikküste im Westen bis zum Aralsee im Osten und von der Region von Nischni Nowgorod im Norden bis zur türkisch-syrischen Grenze bei Antakya im Süden. In diesem Gebiet sind mehr als zehn morphologisch und genetisch differenzierte Formen verbreitet. Auf Sizilien lebt eine morphologisch kaum unterscheidbare, genetisch aber stark differenzierte eigene Art (
Emys trinacris); im übrigen Verbreitungsgebiet die polytypische
E. orbicularis. Die größte Diversität findet sich im Süden, im Gebiet der ehemaligen Glazialrefugien, während im Norden des Verbreitungsgebietes nur eine Unterart von Emys orbicularis vorkommt, bei der zwei genetische Linien existieren.
Anhand der mitochondrialen Phylogeographie lässt sich die holozäne Wiederbesiedlung Mitteleuropas rekonstruieren; das deutsch-polnische Odergebiet wurde aus dem Karpatenbecken wiederbesiedelt, alle Gebiete ab dem Einzugsbereich der Weichsel ostwärts dagegen aus dem Schwarzmeer- oder Nordkaukasusraum. In Deutschland vorkommende Sumpfschildkröten sind nur im Odergebiet autochthon; dort kommt ein endemischer Haplotyp vor, der fast identisch mit einem weit verbreiteten Haplotyp aus dem Donauraum ist.
Neben diesen genetisch leicht charakterisierbaren autochthonen Schildkröten finden sich im Gebiet der ehemaligen DDR ausschließlich Sumpfschildkröten aus früheren Ostblockländern, während wilde Sumpfschildkröten aus Westdeutschland zu nahezu allen bekannt gewordenen mitochondrialen Linien gehören. Dies zeigt, dass durch den Tierhandel und als "Urlaubsmitbringsel" in West- und Ostdeutschland eingeführte Schildkröten in großem Umfang in die freie Wildbahn gelangt sind und sich über Jahre und Jahrzehnte dort halten können. In Brandenburg stellen diese allochthonen Schildkröten eine Gefahr für die bodenständigen Vorkommen dar.


